Strategien gegen die Milchpreiskrise: Qualitätsoffensive und Mengenvernunft

Die derzeitige Milchmarktkrise wird zu einem dramatischen Strukturbruch in der deutschen Landwirtschaft führen. Die von Minister Schmidt angekündigten Notfallhilfen (Liquiditätsbürgschaften, Steuererleichterungen etc.) beseitigen nicht die Ursache der Krise, eine über dem Bedarf liegende Produktion, sondern kurieren lediglich an deren Folgen. Die Verluste der Betriebe können so nicht annähernd ausgeglichen werden, da die zugesagten 100 Millionen gerade den monatlichen Verlusten allein der bayerischen Milchbauern entsprechen. Die notwendige Anpassung an die aktuelle Marktsituation muss nicht durch die Reduzierung der Bauernhöfe, sondern durch die Reduzierung der Milchmenge erreicht werden.Wir schlagen dazu die beiden ersten Sofortmaßnahmen i.S. von bäuerlicher Selbsthilfe vor und fordern endlich wirksame Schritte von Seiten der Politik.

  1. Qualitätsoffensive: Milchmenge verringern und Kosten sparen durch Kraftfutterreduktion
    Aktuelle Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass bei Milcherzeugung aus dem Grundfutter (Gras und Klee) die geringere Milchmenge durch eingesparte Kraftfutterkosten, bessere Tiergesundheit, Langlebigkeit und höhere Milchqualität (z.B. Omega3-Fettsäure-Gehalt) ausgeglichen wird.
    Nach dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens liefert bei Gaben über 7 Kg jedes zusätzliche Kilogramm Kraftfutter nicht mehr bis zu 2 Kg, sondern nur noch ca. 0,7 Kg Milch.
    Die AbL sieht in der Erzeugung von Qualitätsmilch aus Grundfutter, Weidehaltung, gentechnikfreier, einheimischer Fütterung, tiergerechter Haltung und Zucht auf Langlebigkeit eine zielführende Strategie, unabhängig vom Weltmarkt zu werden und zugleich den Markt zu entlasten.
  2. Mengenvernunft: Bonus-Malus-System von den Molkereien einfordern
    Der EU-Agrarministerrat hat freiwillige Lieferreduktionsvereinbarungen rechtlich ermöglicht und auch die deutsche Agrarministerkonferenz forderte in ihrem jüngsten Beschluß die Molkereien und Milcherzeuger auf, sich kurzfristig auf wirksame Maßnahmen zur Verringerung der angelieferten Milchmengen zu einigen.

    Wir fordern alle Bauern und Bäuerinnen auf, selbst ihren Beitrag zur Mengenvernunft zu leisten und in den Milcherzeugergemeinschaften und Molkereigenossenschaften entsprechende Beschlüsse herbeizuführen. „Milcherzeuger, die den übervollen Milchmarkt durch Mengenreduzierung entlasten, müssen über einen Bonus honoriert werden, und einen Malus müssen die zahlen, die nicht einsehen wollen, dass in dieser Krise alle ihren Beitrag zur Marktentlastung leisten müssen“, so Josef Schmid, Landesvorsitzender der AbL Bayern.

    Das Bonusprämien-Modell der Genossenschaftsmolkerei Friesland/Campina hat gezeigt, dass es möglich ist, die Produktion um ca. 3% zu reduzieren. Je nach Ausgestaltung der Regeln, insbesondere auch durch Abzüge für unbelehrbare Überlieferer, wären auch höhere Mengenreduzierungen erreichbar. Ein solches Bonus-Malus-System haben bereits die österreichischen Gmundner und Emstaler Molkerei eingeführt.

    Die aktuellen Aussagen von Bauernverbandsvertretern, eine Mengenreduzierung in Deutschland bringen nichts, weil Irland wie verrückt melke, basieren auf prozentualen Steigerungsraten. Tatsächlich bedeuten die 18% Mehrlieferung der Iren 7 Mio Tonnen Mehrmenge, während die „nur“ 4% Mehrerzeugung der deutschen Milchbauern den Markt mit 32 Mio Tonnen belasten.

    An Verantwortungslosigkeit kaum mehr zu überbieten sind seine Statements wie „Man habe sich nun einmal für den freien Markt entschieden und müsse das jetzt auch durchziehen“.

  3. Forderungen an die Politik:

    Fünf Milliarden Abwrackprämie für die Automobilindustrie, 1,2 Mrd Förderung für Elektroautos, Übernahme der Haftung für Atommüll, Investitionsförderung für Ställe, Lagerhaltung für Überproduktion (Intervention bedeutet sogar wörtlich Einmischung), alles Beispiele für staatliche Eingriffe in den Markt. Plötzlich verstecken sich nun die Verantwortlichen für die bisher größte Milchkrise hinter Floskeln wie der Staat dürfe nicht in den Markt eingreifen, der freie Markt würde alles regulieren und die Politik könne keine Preise festlegen. Letzteres wird auch nicht gefordert, sondern

    als Sofortmaßnahme:

    Sämtliche Finanzhilfen nur mit Verpflichtung zur Mengenreduzierung, zur Kofinanzierung von Bonus-Malus-Systemen o.Ä. und politische Flankierung durch Druck auf die Molkereispitzen.

    als weitere Maßnahmen:

    • Einführung des Marktverantwortungsprogramm des BDM/European Milkboard zur Vermeidung künftiger Mengen/Preiskrisen
    • Einführung eines KULAP- Bausteins „Milcherzeugung mit wiederkäuergemäßer Fütterung“ um höherpreisige Qualitätsmilch zu erzeugen und zugleich die Mengen zu reduzieren.
    • Neugestaltung der Vertragsbeziehungen zwischen Milcherzeuger und Molkerei zwischen starken Erzeugergemeinschaften und Molkereien (Andienungs- und Abnahmeverpflichtung, derzeit Milch“ablieferung“ statt Preiskalkulation auf Basis der Milcherzeugungskosten)
    • Produktionsbezogene Kennzeichnungen und erweiterte Qualitätsprüfkriterien zur differenzierten Preisgestaltung für Milch und Milcherzeugnisse, die ausschließlich mit artgerechten Futtermitteln vom eigenen Hof erzeugt werden (z.B. Grasmilch, Heumilch, Weidemilch, Omega3-Fettsäure-Gehalt) ähnlich der Kennzeichnung bei Frischeiern
    • Klare Herkunftskennzeichnung: derzeit werden in Bayern ca. 7.5 Mill Tonnen Milch/Jahr produziert, aber ca. 9,5 Mill Tonnen verarbeitet. Sie alle bekommen den bayerischen Molkereistempel und werden als bayerisches Produkt vermarktet. Umgerechnet sind das pro Tag ca. 220 Sammelwagen Milch, die über die bayerische Grenze kommen.

Andrea Elisabeth Eiter – Geschäftsführung AbL-Bayern

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