Lohnt es sich überhaupt, selbständig zu sein?

Hurra, Sie sind selbständig!“, schrien viele Betreuer am Arbeitsamt damals im Jahr 2003. Damit haben es die Arbeitsämter geschafft, die Arbeitslosenquoten zu senken, und die Politiker erweckten damit den Anschein, dass es der Gesellschaft besser ging. Leider ist die Wahrheit eine andere: Eine ganze Generation verlor ihre Finanzreserven und nur die Reichen wurden reicher.

Kritische Themen zu schreiben bringt wenig Popularität. Jedoch wegsehen tun bereits die Standard­medien.

Wer sich nicht mehr daran erinnert, die ‚Ich-AG‚ war ein Einfall der Arbeitsämter in Deutschland, ungefähr im Jahr 2003. Im Grunde genommen wird der Arbeitslose dabei zu einem Einzelhandelsgeschäft. Eine der tollen Ideen war es, Produkte per Internet zu verkaufen. Allerdings sprach man kaum davon, dass bei einer natür­lichen Person, falls insolvent, auch deren Privatvermögen vollstreckt werden kann. So etwas wird dann in einem Regelinsolvenzverfahren für natürliche Personen durchgeführt. Ohne Gnade oder Grenzen.

Viele starteten zu dieser Zeit den Verkauf über Internetplattformen wie Amazon, eBay und andere. Anfangs schien es einfach und günstig zu sein. Jedoch über zehn Jahre danach blicken wir auf viele schlechte Erfahrungen, steigende Gebühren und immer sinkende Bruttopreisen, die aber verschwiegen werden. Ein Traum für den Käufer, ein Alptraum für den Verkäufer.

Gewinner des Untergangs der verschiedenen Ich-AGs sind Anwälte, Hersteller und Distributoren, und natürlich die Internet-Portale. Hier führt niemand Statistiken.

Die Arbeitsämter präsentierten noch ab 2009 das Projekt 50plus, in dem Auffrischungskurse die ältere Generation angeblich arbeitsfähiger und attraktiver für den Arbeitgeber machen sollten. Viele davon, aus gescheiterten Ich-Ags. Wenn man bedenkt, dass die Seminarleiter dieses Projektes (mindestens die, welche ich kennengelernt habe) unter 30 Jahre alt waren und kaum fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen konnten, erkennt man, dass solche Veranstaltungen lustig, aber niemals effektiv sein konnten. Vor allem, wenn Personen mit mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung umgeschult werden müssen, stellt sich die Frage, ob ein Berufsanfänger mit fünfzig jemals interessanter sein kann als ein Einwanderer mit gleicher Ausbildung, aber zwanzig Jahre jünger.

Die Hauptnutzer solcher Konzepte waren zum Beispiel Amazon, die Deutsche Post AG und andere Logistik-Unternehmen, die auf diese Weise einen enormen Kundenanstieg und Umsatzzahlen verbuchten. Bis der klein Unternehmer realisiert, dass die Kosten und der Aufwand für das erzielte Ergebnis zu hoch sind, ist es meistens zu spät. Folgen wie Burn-Out und sonstige psychische Probleme können dann sogar den Stärksten treffen, nicht aber die Großkonzerne.

Die Standard-Presse berichtet über die Ausbeutung der Arbeiter durch Unterschreitung einen Mindestlohn . Jedoch das Leiden der Ich-AG-Einzelunternehmer wurde nie thematisiert. Neulich las ich, dass die Deutsche Post von Mitarbeitern Schadenersatz für Schäden an Sendungen verlangt. Mir war klar, dieses Unternehmen hat keine Postpartnerfilialen mehr, die es ausnehmen kann. Seit 2003 standen viele derartiger Meldungen in unserer Presse und viele Personen steckten ihr letztes Geld in eine solche Unternehmung.

Paketshops und Postpartner-Filialen schossen so an fast jeder Ecke wie Pilze aus dem Boden, aber über Pleiten wurde immer nur beiläufig berichtet, als wären diese uninteressant, da der Leser von dieser Situation ja nicht selbst betroffen sei.

Diese Insolvenzen und die Gesundheitskosten belasten unser Sozialsystem und eine Generation wird ohne Reserven in die Rente gehen müssen.

Die Deutsche Post hat sich viel Mühe gegeben, die negative Presse zum Schweigen zu bringen. Mit der Privatisierung hat die Regierung der Gesellschaft und den Wählern keinen Gefallen getan, jedoch wollte bisher keiner sehen, dass diese Maßnahme so viele Selbständige in den finanziellen Abgrund reißen würde.

Amazon schröpft viele Einzelunternehmer mit Regressforderungen von Kunden oder mit nicht erfüllbaren Forderungen, wie zum Beispiel kostenlosem Versand oder Rückgabe nach sechs Monaten. PayPal und eBay sind zwar sicherer für die Händler, jedoch nicht selten bleibt der Unternehmer auf den Kosten sitzen und der Kunde behält die Ware, sogar ohne Gegenleistung.

Ein weiterer Risikoaspekt solcher Ich-AGs ist, dass Anwälte sich ein System geschaffen haben, durch sinnlose Abmahnungen einen Extra-Obolus zu verdienen, ohne einen Nutzen für die Volkswirtschaft. Gegen Abmahnungen werden Unternehmer nur selten versichert sein und in den dreizehn Jahren, die ich meinen Shop führte, bekam ich trotz Vorsicht und rechtlicher Beratung (die nie günstig war), acht Abmahnungen. Für jedes Standardschreiben wird der Betroffene mindestens zweihundert Euro für einen Anwalt zahlen müssen, egal welche Größe ein Unternehmen oder Zahlungsfähigkeit ein Unternehmer hat.

Den Selbständigen werden immer wieder Versicherungen angeboten und Bedürfnisse werden geweckt, jedoch Leistungen wie Berufsunfähigkeit, Rechtschutz oder sogar eine Versicherung gegen Paketschäden von DHL werden die meisten nie in Anspruch nehmen, da die Versicherungsgesellschaften die Anträge systematisch ablehnen. Meine Behauptungen basieren auf Tatsachen in meiner Erfahrung.

Der Selbständige über fünfzig trägt enorme Kosten und Risiken, die sein Leben innerhalb eines Tages zum Alptraum werden lassen können. Die Justiz unterscheidet nicht zwischen Kleinunternehmern und Großunternehmern. Dies ist klar, da sonst die Anwälte zwei Tarifmodelle führen und Richter Voraussetzungen besser prüfen müssten.

Durch diese Umstände ist die Selbständigkeit zu einem russischen Roulette geworden und auf das Internet als Vertriebskanal zu setzen, scheint keine Zukunft zu haben. Ein eventueller Ausweg für den kleinen Unternehmer ist die kooperative Zusammenarbeit mit anderen kleinen Unternehmen.

Ich würde gerne über Ihre Erfahrungen berichten. Schreiben Sie mir doch, was Sie mit Ihrem Paket-Shop oder Ihrem Web-Shop erlebt haben.

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