Ich bin unzufrieden, er ist alt, sie ist dick und wir sind allein

Das Verb Sein könnte auch anders konjugiert werden. Doch so geht es leider vielen in unsere Gesellschaft. Marketing und die Modewelt haben uns zu Idealvorstellungen getrieben, dass wir kaum eigenständig noch entscheiden können, was uns eigentlich gut für das Leben tut.

Ich war vor einige Tage bei dem Geburtstag einer Freundin eingeladen. Wir kennen uns noch von meinen Zeiten bei BMW in den späteren 80er.

Als ich mit Winston (mein Hund) an das Café ankamen, überreichte ich meine Aufmerksamkeit an meine Freundin. Ich schenke immer original gemalte Karten mit handschriftlichen Botschaften. Meistens schreibe ich solche kurze Meldungen fehlerfrei. Die bei geschenkte Paco Rabanne Olympéa sollte ihr Geschmack entsprechen.

Wir begrüßten und mit viele Aahs und Ohhs und es fehlte nicht an Bemerkungen über das Alter, die uns alle vereint.

Einige Personen entwickeln im Lauf der Jahre, wie man in Bayern sagt, ein Lästermaul. Andere versinken in Grau und fangen durchsichtig zu wirken, egal wo sie sind und andere erreichen Erleuchtung. Von Letzteren halte ich mich meistens sehr ferne. Doch wie es kommt, den letzten Platz im Café war am Tisch eine „Erleuchtete“.

Wie andere Frauen im mittleren Alter geschah es ihr, dass sie in eine Sekte nach dem Sinn des Lebens suchte. Ich muss hinzufügen, dass der Sekte nicht als solchen genannt sein möchtet, sie nennen sich Interessengemeinschaft oder wissenschaftlicher Leserkreis.

Die Erleuchtete zeigte mit dem Finger auf meinem Hund und erklärte, dass ihr neue entdeckte Weisheit (Sekte), Hunde ungern sehen. Ich lächelte und informierte, dass falls sie sich unwohl fühlt, könnte ich den Kellner bitten, für sie einem Tisch an der Tür mit einem Wassernapf zu stellen. Als sie endlich meine Antwort verstand und weiter sprechen wollte, unterbrach ich sie und sagte, dass für den Fall, dass ihre Religion auch gegen Homosexuellen was hätte, sollte sie berücksichtigen, dass im Raum mehr als vier anwesend waren. Ich habe den Kellner nicht mitgezählt.

Ich gebe zu, meinem Hund ist mein Prinz und, Religion ist für mich kein Thema, sofern diese meine Freiheit nicht antastet. Ich vertrete der Ansicht „Kein Toleranz für Intoleranten“. Nach diesem kurzen Tête-à-tête stand die Dame auf und verabschiedete sie sich.

Klar, haben wir alle Verbliebenen darüber getuschelt Viele denken, dass Italiener gerne Tratschen verbreiten, aber in den letzten dreißig Jahren lernte ich, dass die Deutschen dies viel besser können, als die Italiener.

Acht Frauen und fünf schwule Männer zusammen fallen fatalerweise im selben Thema „Männer“.

Ich beobachtete, dass in der Gruppe, viele bereits die Haare gefärbt trugen. Ich, als ein der Jüngsten im Kreis (nach dem Liebhaber der Älteste der Runde), war der Einzige mit oder mindestens was noch da übrig ist, Naturhaare.

In eine Beziehung mit demselben Mann, wie vor vielen Jahren waren nur zwei Frauen und ich. So sind wir mehr oder weniger als Thema in der Experten Runde sofort aussortiert. Die Übrigen meldeten Scheidungen, Trennungen und zwei meldeten, niemals den Prinzen getroffen zu haben.

Das Geburtstagskind schlürfte bereits ihr viertes Sektglas und ich sah an ihr schiefer Hand, dass sie nicht mehr so viel vertrug wie vor dreißig Jahren.

Die Singles übernahmen die Hauptunterhaltung und alle andere fügten Erfahrungswerte bei. Die meisten gaben zu immer jüngeren Alternativen zu suchen. Meinem Blick wanderte instinktiv an das junge Glück am Tisch und ich hätte mich ohrfeigen können, aber ich rundete den Patzer mit einem Prost mit meinem Mineralwasser.

Wie auch in der Werbung und in den meisten Frauenmagazinen sollten Männer keinem Bauch haben, waren die meisten einig. Ich gab ins Gespräch, dass bei Bürojobs und die normale Körperentwicklung, man reduziert die Kandidaten um fast neunzig Prozent. Eine neue Runde wurde bestellt und so fiel meinem Argument unter dem Tisch.

Die meisten beklagten, dass Falten, Haare oder die Körperkonturen bei der Suche nach einem Mann einen großen Nachteil darstellte.

Da die meisten bereits beschwipst waren, war mir einfacher das Wort zu ergreifen. Ich erklärte, dass wir kämpften für Selbstbewusstsein, wir wollten nicht mehr unterdrückt leben und waren alle gegen Bevormundung. Doch wir wurden zum Opfer unserem Schönheitsideal. Wurden wir verstehen, dass wie in der Natur nach der Blüte kommen die Früchte, wurden wir uns freuen, reifer geworden zu sein und wurden wir uns ebenfalls nach reiferen intelligenten Männern (oder Frauen) anstreben und weniger unsere Zeit vergeuden mit dem verlorenen Kampf gegen das Alter.

Die Erleuchtete trat das Café wieder ein und trug eine kleine Tasche mit, wo offensichtlich ein kleines Geschenk für das Geburtstagskind war.

Wir sind alle Pioniere der IT und wir waren bei der Gründung von Internet und alle Kommunikationsmittel dabei. Zum Teil haben wir selbst diese Kommunikationswelt programmiert. Dann kamen wir zum Thema Dating-Portale.

Körpergröße lässt sich messen, Körpergewicht kann bequem geschummelt werden und Haar-, Haut-, und Augenfarben waren bei den meisten Portalen als Angabe möglich. Raucher oder nicht, und sogar ob mit oder ohne Haustiere, musste die Erleuchtete einfügen. Ich lächelte bei der Bemerkung und überlegte, ob den neuen Gott dieser Frau meine Bitte nach einem Erstickungsanfall für sie hören wurde. Das junge Glück fügte sehr Weise, dass bei den Schwulenmännern noch die Option Top oder Bottom gäbe. Ich versuchte mir, ein Bild von diesen Jungenwesen und der Älteren mir aus dem Kopf zu verbannen.

Da half mir meine Erfahrung aus der Datenbankenwelt, um zu verstehen, dass unsere Suche zu spezifisch wurde und kaum ein realer Mensch auf die Möglichkeiten einer Query (Datenbankabfrage) zutreffen können. Hinzu kommt, dass wenn man so genau sucht, ist der Trefferquote klein, aber die Enttäuschung mit dem Ergebnis ist mathematisch gesehen sehr groß, weil zu viele Optionen angegeben wurden, die nicht zutreffen können.

Winston war bereits nach den Vierten getrocknete Hühnerstreifen satt und wollte die Beine vertreten. Einige der Damen gaben bereits an, dass sie zum Abendessen zu Hause sein mussten, so war mir klar, dass ich auch bald mich verabschieden sollte.

Mit Küsschen und weiteren Abschiedsgrüßen machte ich mir auf den Weg, nachdem ich den Schreck der Rechnung von Achtzeheneuro für drei Wasser und ein Kaffee bezahlen musste.

Doch die Erfahrung an diesem Tag war für mich wichtig. Ich erkannte, dass die Entwicklung der Gesellschaft Korrekturen benötigt. Menschen nach Hautfarben, Haare oder Statur zu suchen, ist diskriminierend und man sucht ein Mensch nicht nach Kriterien, die sich im Lauf der Zeit verändern, sondern nach Charakter und moralische Werte. Diese können reifen, aber kaum werden sie sich verändern.

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