Haben wir verlernt, romantisch zu sein?

Ob bei Partnerbörsen, in Männerauktionen oder andere Kontaktseiten, wo angeblich alle elf Minuten sich jemand an einem Geist verliebt, eins ist überall gleich: Menschen ohne Kontaktfähigkeiten sprechen nicht. Likes und Dislikes verbauen unsere Beziehungsfähigkeit.

Der Rätsel der virtuellen Welt scheint mir einfach zu lösen zu sein. Es kommt mir auch so vor, als hätten wir eine böse Strategie der Medien übersehen. Klar ist aber, der Menschheit scheint sich selbst an seinen besten Fähigkeiten der Bindung zu versagen.

Als ich siebzehn Jahre Alt war, saßen jungen Homosexuellen an einer Bar und warteten charmant von einem netten Mann angesprochen zu werden. Wenn man Hetero war, lächelt man nett in die Runde bis ein Mädchen zurücklächelte und man spendierte ihr einem Drink, in der Hoffnung an einem kennenlernen Gespräch. Frauen zu dieser Zeit waren etwas zurückhaltender, aber der Eindruck täuscht, sie waren sehr selbstbewusst. Als Anlockung suchten wir unserer Garderobe ziemlich ausgefallen aus. Graue Mäuse saßen meistens neben die coolsten und kompensierten das mangelhafte Modebewusstsein mit kunstvolle Gelächter.

Nach der Anbahnung folgte meistens ein etwas belangloses Gespräch, bis auf den ersten Avancen, die meistens, in einigen heftigen romantischen Küssen überging. Dann in einem Taxi nach Hause oder in ein Hotel fuhr. In ein unordentliches Zimmer wachte man am nächsten Tag auf und versuchte den perfekten Eindruck von der letzten Nacht zu toppen. Nicht selten, stand ich früher auf um mich zu kämen und präsentabler zu machen. Während des Frühstücks könnte man über kultivierten Themen sprechen und so erkunden, ob man auf ein weiteres Treffen hoffen dürfte. Gespräche waren unser Bindemittel, Literatur und Kunst unsere Schätze.

Später in den achtziger Jahren wurde das Klima auch in Discos und Bars etwas kühler. Doch die Anbahnung war weiter da, aber leider manchmal fehlten die belanglosen Gespräche und die Enttäuschung zu schnell zu Hause angekommen zu sein, und schnellen Sex endete etwas abrupter mit, eine etwas oberflächlichen, Abschied. Dies haben mir einige Freunde bestätigt, egal in welches Alter oder Geschlechtsorientierung. Kunst wurde hier bagatellisiert und sehr viel „Abstrakte“ und Romanen aus der Retorte haben das Publikumsinteresse geschwächt.

In den Neunziger waren Garderobe und romantische Küsse und das Frühstück weg und es ging zu sehr auf schnell treffen, weniger sprechen und kultivierte Themen wurden von einer Schicht Unwissenheit bedeckt. Hier haben auch die Schulen mitgewirkt, da die allgemeine Bildung fast ausgestorben war und die Lehrer selbst kaum etwas mehr, als den Lehrplan kannten.

Anbahnungen und der Tag danach sind die Basis für eine Beziehung. Leichten Sex mag in Kinos und Mädchenzeitschriften noch für Publikumsinteresse sorgen, aber die Gesellschaft braucht mehr.

Einige die mich anschreiben, sind weit über zwanzig Jahre jünger als ich und klagen, dass deren Beziehung sich bei Treffs in Warcraft oder andere Online-Communitys einschränkt. Abendessen oder Momente, die früher nur für zwei reserviert waren, werden von WhatsApp oder Facebook oder andere Social Medias gestört. Ich empfehle mittlerweile, den Handy bereits vor dem Abendessen zu Hause zu lassen und sich auf den Gegenüber zu konzentrieren.

Ein fast witzig, wenn der Anlass nicht so traurig wäre, Vorfall berichtete Peter M. von ein sein Abendessen. Er hatte einige Empfehlungen bei mir abgeholt. Ich kann mich auch an unsere Telefonate erinnern. Ich kam mir sehr wohl in der Rolle der Ersatzvater vor. Doch während des Abendessens bekam seine Angebetete weitere Kontaktvorschläge, die das Mädchen scheinbar schnell beantworten wollte. Das Ergebnis des Abends war vorzusehen, er verabschiedete sie noch vor dem Nachtisch mit einem Vorwand, er musste am nächsten Tag früh aufstehen.

Ja, gute Gespräche und gute Dates braucht man, um einem Leben aufzubauen. Über Kindern zu sprechen, bei einer Generation, wo die Basis für ein Miteinander fehlt, scheint mir ein Fehler zu sein, die auch unsere Regierung nicht auffällt.

Setzen Sie die virtuellen Avataren beiseite. Sammeln Sie Mut zum direkten Gespräch. Sogar wenn man ein Nein riskiert, man riskiert nicht seinen Leben, an eine Beziehung, die auf eine virtuelle Basis schwebt.

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