Fleischkonsum ist mehr als eine moralische Angelegenheit

Ein Liter Sojamilch bedarf circa 70 Gramm Sojabohnen um hergestellt zu werden. Eine Kuh frisst 200 Gramm Soja Bohnen um ein Liter Milch produzieren zu können. Trotzdem kostet der Liter Sojamilch vier Mal mehr als Kuhmilch. Aber wenn man mehr über die Hintergründe der Milch und Soja Produktionen erfährt, wird es klar, dass die Welt eine neue Moralordnung benötigt.

Ich besuchte einem Vortrag von der Landesarbeitsgruppe Ökologie der Grünen am 11. Juni 2016. Als Ehrengast trat Herr Dr. Anton Hofreiter auf.

Fleischfabrik Deutschland CoverEr präsentierte kurz sein neues Buch „Fleischfabrik Deutschland„.

Nach der Buchpräsentation folgte ein kurzer Film über Sojaproduktion in Mato Grosso in Brasilien, etwas nordwestlich von meiner Heimat Sao Paulo. Ich besuchte Mato Grosso zuletzt 1981 und sogar die kleinen Farmen dort waren so grün zu dieser Zeit, dass man dachte sich im tiefsten Urwald zu befinden. Als ich das kahle gemähte Land, wo sich nur ein roter Lehmboden zeigte und keine Bäume und keine Vögel mehr zu sehen waren, muss ich zugeben, dass ich von Trauer erfüllt war. Sogar jetzt beim Schreiben dieses Artikels muss ich meine Emotionen kontrollieren.

Dieses Land, das der brasilianischen Regierung gehörte, war geschützt und sollte nicht in dieser Masse industrialisiert werden. Glyphosat und andere Chemikalien werden im Übermaß auf den Feldern angewendet, was das Gleichgewicht der Natur ganz ins Schwanken brachte. Kleine Bauern werden mit harten Bandagen vertrieben oder gar getötet, und Großgrundbesitzer übernehmen das Land. Außer Soja wird dort ebenfalls Mais produziert, mit gleichen verheerenden Konsequenzen für die Umwelt.

Das Unternehmen Syngenta (ein Konkurrent von Monsanto, das ebenso einen zweifelhaften Ruf hat) ist in Mato Grosso verantwortlich für die Zerstörung des Landes, wie auch für die Produktion dieses genmanipulierten Sojas, das wir in Deutschland so großzügig importieren.

Soja ist ursprünglich kein brasilianisches Produkt und Mato Grosso ist sowohl unterentwickelt, als auch extrem korrupt. Diese Ländereien gehören meistens dem Senator Blairo Maggi. Senator Maggi und seinem Clan gehören mehr als 252 Tausend Hektar Land in Mato Grosso. Er wird auch der Sojakönig genannt. Übrigens, gegen den Herr Senator wird derzeit im Rahmen des großen Korruptionsskandals „Lava Jato“ (Waschstraße auf Deutsch) ermittelt. Nach Meinung der brasilianischen Aktivisten wurden diese Ländereien im Rahmen der unzähligen Korruptionsfälle der Arbeiterpartei illegal erworben.

Am Ende des Films erklärte Dr. Hofreiter, dass Deutschland dieses genmanipulierte Soja in einem Maße importiert, das fast der Anbaufläche von ganz Niederlande entspricht. Er war auch 1992 in Mato Grosso noch als Biologie Student. Ich nehme an, er kann bestimmt mein Empfinden nachvollziehen.

Ich konnte in der Diskussionsrunde beitragen, dass zu meiner Uni-Zeit am Anfang der 80er Jahren die Studenten gegen die unkontrollierten Kindergeburten weltweit protestierten. Unser damaliger größter Gegner war die katholische Kirche. Außer der Tatsache, dass ungeplanten Kindern in der Armenschicht eine Zukunft in Armut vorbestimmt war, war die Rolle der Frau schlechter als ein Alptraum. Sie durften Kindern bekommen und dann meistens selbst in Armut leben und frühzeitig an Stress und schlechter medizinischer Versorgung sterben.

Übertragen auf die Welt von heute sehe ich, dass wir als überentwickeltes Land aufhören müssten zu wachsen und ein neues ökonomisches System benötigen, das nicht die Ausbeutung von anderen Ländern erfordert, um überleben zu können. Nur eine Dame in der Runde meinte, dass Deutschland jetzt mehr Menschen importieren sollte (Flüchtlinge wie Migranten), was mich zur Verzweiflung brachte, da Menschen in Deutschland zu beherbergen auch eine Ausbeutung bedeutet. Wir importieren durch diesen Prozess nicht Soja sondern Menschen für unser Rentensystem, was ich für noch verwerflicher halte. Ich setze das Thema Kriegsflüchtlinge bewusst aus, da das ein anderes Thema ist, aber wenn alle Länder vom Weltwachstum profitieren würden, wäre die Wirtschaftswanderung nicht erforderlich.

In einem kurzen Exkurs über das Thema Weltbevölkerung erklärte Dr. Hofreiter, dass sich die Überbevölkerung durch die Verbesserung der Frauenrechte von allein regulieren würde. Meine Bedenken über die irrationalen Forderungen der Religionen nach Vermehrung habe ich nicht weiter geäußert.

Dr. Hofreiter erklärte ebenfalls, dass Brasilien angesichts der Tropenverhältnisse auch mit weniger Land mehr produzieren könnte, unter biologischen Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Indien herrschen.

Ein Thema, das Dr. Hofreiter auch vortrug, war ein angehendes Konzept für die Differenzierung von technischen Standards für unterschiedliche Betriebsgrößen. Zum Verständnis erklärte er, dass ein Bauer, der derzeit Eier produziert, seine eigenen Eier für zum Beispiel eine eigene Kuchenproduktion nicht einsetzen darf. Der normale Leser wird sich bestimmt auf die Stirn klopfen und fragen, was für eine dumme Regelung, aber unsere Kollegen in Brüssel backen keine Kuchen und die Vorschriften sollten den Nutzer schützen, und müssen hin und her gefeilt werden. Diese Senkung der technischen Voraussetzungen bedeutet nicht eine Senkung der Hygiene Standards, sondern eine Chance für Kleineunternehmer, wieder auf die Beine zu kommen. Ich war begeistert von dieser Idee und dachte bereits, wie kann ich meine Konfitüren in Zukunft in Deutschland anbieten.

Ein Herr vom Publikum machte aufmerksam, dass die Arbeitsstellen in der Landwirtschaft immer noch gesellschaftlich unterschätzt und zum Teil niedrig belohnt werden. Diese Information sollte uns noch mehr zu denken geben, da gerade die Personen, die für unser Essen und gesunde Nahrung tätig sind, sowohl eine höhere Bildung als auch mehr Anerkennung genießen sollten.

Ich kündigte auch meinen Wunsch an, dass auch kleinere Metzgereien und Gemüseläden mit Produkten aus der Region mehr gefördert werden sollten.

Nach einem so informationsreichen Vortrag und einer so belebten Diskussionsrunde konnte ich Herrn Dr. Hofreiter für den tollen Beitrag bedanken und sein Buch ist bereits auf meiner Wunschliste (in einer kleinen unabhängigen Bücherei) eingetragen.

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