Es war einmal…, ein Münchener Flohmarkt!

von Paul Riedel MünchenFür die, die länger in München leben, fühlt sich das Erlebnis vom Rotkreuz-Flohmarkt 2014 auf der Theresienwiese wie die böse Wendung eines Märchens an. In früheren Jahren boten Wochenendausflüge zu solchen Märkten in der Bayerischen Hauptstadt eine nette  Familienunterhaltung und die Möglichkeit für Käufer und Verkäufer, viel Spaß und angenehmen Sozialkontakt zu pflegen. Jedoch die wirtschaftliche Zuwanderung der letzten Jahre und die mangelhafte Kindererziehung haben das harmonische Leben der Münchener zum Teil verdrängt. So fielen die fehlende Infrastruktur und die mangelhafte Versorgung der Veranstaltung umso stärker auf!

Ich liebe Märchen und insbesondere wende ich Analogien zwischen Märchen und Realität an. Nicht selten wird man in der heutigen Welt durch Marketingagenturen wieder in des Kaisers neue Kleider von Andersen versetzt.

Als ich vor über 30 Jahren nach München kam, waren die Flohmärkte ein Platz für Raritäten und Außergewöhnliches. Ramsch und Objekte von weniger Bedeutung wurden eher vom Veranstalter abgelehnt oder entsprechend diskret platziert. Viele Händler spezialisierten sich auf Glas, Uhren oder Postkarten oder anderes. Viele dieser damaligen Händler betreiben heute noch in der Augustenstraße (in München) Antiquitäten-Geschäfte, mit bemerkenswerten Qualitätswaren. Private und gewerbliche Anbieter tauschten sich gut aus, da das Angebot und die Nachfrage für beide interessant waren. Das Publikum war gut gebildet und das Lesen hat auch eine positive Wirkung auf die Gespräche beigesteuert. Ich selbst war zu dieser Zeit im Bereich „Antike Uhren“ sehr erfahren, u. a. weil ich durch meine Familie eine Menge darüber gelernt hatte.

In dieser idyllischen Bildumgebung beginnt nun mein Märchen vom Flohmarkt.

Ich gebe hier meine Meinung und die von wenigen Befragten wieder, was bestimmt keine große Durchschnittsmeinung darstellt, da ich von den angeblich über 2.000 Ausstellern nur 12 Stände besuchen und in einem kurzen Statement die Meinungen auswerten konnte. Meine persönliche Vision dieses Marktes war wie eine Darstellung der fünften Hölle von Dante.

Hunger, Dürre und brodelnde Böden verwüsteten das Labyrinth …

Es gab auf dem ganzen Markt, trotz der mehr als 2.000 Aussteller, kein Wasserspender oder einen Automaten, um Wasser zu kaufen. Wenn einem also drohte, einen Sonnenstich zu bekommen, musste man irgendwo Hilfe suchen oder schnell wieder nach Hause gehen. Ich hatte drei Tage lang mit Fieber zu kämpfen, wegen eines schweren Sonnenstichs.

Mein Tipp: Vergessen Sie nicht ein Hut und ein Sonnenschirm mitzunehmen, wenn Sie ausstellen.

Da kein Konzept für die Bereiche des Marktes derzeit existiert, musste man als Besucher entweder in schnellem Tempo durch die Gänge eilen, was einem kaum Zeit ließ, alles zu betrachten, oder sich mit einem Viertel des Marktes begnügen, weil bei der Wärme und ohne Wasser sogar ein Kamel nach drei Stunden nicht mehr am Einkaufen interessiert gewesen wäre.

Toiletten gab es nur drei in einem einzigen Block auf einem Terrain mit 42 Hektar Größe. Vergleichsweise sind in einem Fußballstadion, wie es die Allianz Arena ist, mindestens 32 Toiletten zu finden, bei einem Publikum von maximal 62.000 Personen. Hier aber wurden geschätzte 30.000 Besucher auf einer mindestens vierfach größeren Fläche mit einer Toilette bedient. Ich hoffe, dieser Vergleich verdeutlicht, dass für die Organisation des Events etwas Nachbesserungspotenzial existiert. Zwei für Frauen und eine für Männer, wobei sich meist eine Frau in die Männertoilette einschleicht. (Nie umgekehrt)

Papierkörbe, Mülltonnen und Container waren dort nicht zu sehen, bis auf einen einzigen Platz (der geschlossen war).

Trotzdem musste jeder Aussteller mindestens 20 € Standgebühren bezahlen. Wofür das Geld benutzt wurde, kann man zwar vermuten, aber nicht nachweisen. Daher bleibt nur eins zu sagen: Das ist leicht verdientes Geld!

Fakes und zweifelhafte Waren in jeder Menge

Einen guten Artikel über gefälschte Taschen habe ich bei eBay gefunden und war erstaunt festzustellen, dass diese Fälschungen bei Amazon extrem verbreitet, also noch zu erwerben sind.

Trotz der Gesundheitswarnungen und die große Zahl an Zollkontrollen, die wir aus den Medien kennen, war eine kaum übersehbare Menge an gefälschten Brillen mit Pseudonymen Prada, Gucci und Joop neben genauso wenig glaubwürdigen Exemplaren von Patek Philippe, Rolex und Piaget zu finden. Hier können Sie die Vorgaben des Zollamts nachlesen.

Außer einem Herrn Werner vom Ordnungsamt habe ich keinen Beamten dort gesehen und dass die Polizei sich erlaubte, eine solche Gelegenheit zu verpassen, war mir nicht nachvollziehbar. Taschenmesser, Dekormesser (geschliffen mit mehr als 12 cm Klingenlänge, ohne Scheide oder Transportbox, ref. Waffengesetz § 42,) waren dort mehrfach zu sehen. Ich selbst konnte nur viermal von meinem Stand weggehen und stellte dies in so kurzer Zeit fest.

Die Nachbarhändler versuchten ständig, den von mir bezahlten Platz mit leichtem Rücken ihrer Tische ihrem Stand zuzuschlagen. Dies konnte durch einen leichten, aber unvermeidlichen Wortwechsel geregelt werden. Allmählich wurde mir klar, dass ich bereits 60 € ausgegeben hatte, um einige wenige Posten zu verkaufen. Neben einem Fälscher von Uhren und Brillen und auf der andere Seite neben einem, der mir ständig den Platz zu stehlen versuchte.

Etwas gute Laune und positives Denken haben mir geholfen, bis ich in der Tageszeitung las, wie man sich als Käufer auf einem Flohmarkt verhalten sollte. Nachdem ich das gelesen habe, ist mir klar, dass auch bei der Tageszeitung an Personal gespart wurde, so dass man einer unausgebildeten Praktikantin die Aufgabe überlassen hat.

Und die Hexe sprach einen Fluch über das Land …

So kamen wir zum Samstag. Ich war bereits um 4:30 Uhr mit einem Taxi unterwegs, um meine Vorbereitungen zu erledigen. Die erste Kunden waren (eindeutig nicht gebadet) bereits um 6:30 Uhr da und gingen wie elektrisierte Eichhörnchen auf und ab, auf der Suche nach irgendetwas, was sie wahrscheinlich selbst nicht definieren konnten.

Das Wetter war etwas kühler geworden, und zu der düsteren Wendung unseres Märchens passte das wie angegossen.

Die Kunden äußerten immer gleichlautende Floskeln. Die unaufgeforderte Begründung war: „Ich habe zu Hause bereits so viel, dass ich nichts Neues kaufen möchte.“ Oder ein schickes Mädchen mit einer modischen 60 €-Frisur, einem Outfit von ca. 120 € und Schuhe von ca. 45 € (die dazu von Donnerstag bis Samstag mindestens 40 € pro Nacht an Drinks ausgibt), die ein weinerliches Gesicht zieht und sagt, „Ich würde das gerne kaufen, aber ich habe nicht so viel Geld!“ – mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen „Du Armes!“. Das von den Mädchen erwartete Rabatt auf meine Ware musste noch bis um 15:00 warten.

So ging es den ganzen Tag. Einige Schlüsselanhänger wurden gestohlen und alles, was über 8 € kostete, konnte nur schwer verkauft werden.

Es ging nicht um faires Handeln, es ging um Stehlen und darum, die Händler auszunutzen. Die Zahl der Personen, die nur schauten, wenn der Stand nicht beaufsichtigt war, war sehr groß, und Sicherheit wurde von den Organisatoren nicht angeboten. Für den bezahlten Preis wäre mindestens das zu erwarten gewesen.

Zu erwähnen, aus welchen Ländern diese Menschen kamen, übersteigt meine Kenntnisse und ich möchte nicht einen falschen Eindruck vermitteln, aber Flohmärkte ziehen nicht mehr das interessierte Publikum an.

Um drei Uhr nachmittags war ich mit mein Ausverkauf im Gange. Da kamen zwei Expertinnen, um meine Englischen Porzellantassen zu begutachten. Ich verkaufe Dunoon Porzellan von feinster Qualität. Diese Damen lasen „finest Bone China“ auf dem Label und schlossen daraus, es wäre „Made in China“. Trotz meiner Erläuterungen und Erklärungen waren sie nicht bereit, ihre Meinung zu korrigieren.

Dann machte ich mich bereit, um den Stand abzuräumen. Ich sammelte meinen Müll, um ihn zum Container zu bringen. In meiner Naivität trennte ich meinen Müll in Papier/Recycling und Bio, danach wurde mir klar, dass diese Arbeit unnötig war. Was ich um den einzigen geschlossenen Container herum in diesem riesigen Gelände sah, brachte mich zum Erstaunen. Als ich mit meinen ersten Kartons ankam, kämpften eine alte Dame und eine ca. dreißigjährige Frau um eine weiße Tasche – die jüngere gewann. Eine andere Frau holte, ohne mich zu beachten, meine Kartons aus dem Wagen, um darin zu wühlen, und eine andere fasste mich sogar am Bauch, um sich Einblick in meinen Müll zu verschaffen. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu schreien, und musste meine Kleider mit beiden Händen schützen. Ähnliche Situationen kennt man aus Klassikern wie „The night oft he living death“ (ein Zombie-Film mit besonderer Ekelnote). Berücksichtigt man, dass sich viele dort ungewaschen am Boden wälzten, bekam ich einen dreidimensionalen Live-Eindruck davon, wie es in dem Film zugegangen ist. Bitte nicht nachmachen!

Einige meine Leser wissen, dass ich ursprünglich aus Brasilien komme. Dort lernte ich, sozial engagiert zu sein und mich von Zeit zu Zeit für die Armen einzusetzen. Ein armer Mensch in Brasilien bedankt sich, wenn er etwas geschenkt bekommt. Man schenkt mit einem Lächeln und einer herzlichen Umarmung, da man zwar wenig Geld hat, aber genug Respekt und Feingefühl, um nicht jemanden schamlos auszunutzen. Auf diesem Markt sah ich, dass diese Haltung der Brasilianer hier momentan wünschenswert wäre. Sogar in der Not wäre ein Wort des Dankes oder sogar „Darf ich bitte?“ zu erwarten.

Das ist nicht München, das ist nicht mehr die Bayerische Kultur und das ist nicht mehr Familienunterhaltung, das ist etwas, das man sich ersparen sollte.

Wenn Sie etwas unbedingt loswerden wollen, bringen Sie es zur Diakonie, Caritas oder in einen Secondhandladen. Wie die Abfallwirtschaft München in der Reportage der Abendzeitung am 25.04.2014 zugab, waren die meisten, die dort Ware abholten, nicht Bedürftige, sondern schamlose Ausnutzer, wie ich es an dieser Stelle auch leider bestätigen muss.

Ohne die Wareneinsatzkosten zu kalkulieren, habe ich ca. 3 € pro Arbeitsstunde verdient. Wenn ich ein Minimum für Ware und Verpflegung anrechnen würde, dann habe ich Minus gemacht. Meine Ware gebe ich demnächst an einige Altersheime und ich werde meine Teilnahme an solchen Märkten grundsätzlich absagen. Das Motto „Qualität statt Masse“ hat seinen Sinn!

Letzte Seite…

Und so nahm dieses Märchen sein Ende. Kein gutes Ende und kein „Sie waren für immer fröhlich“ auf der letzte Seite waren hier zu sehen. In diesem Märchen haben die Bösen die Guten gefressen und Geld dabei wird von der Große Rote Drache gehortet. Gerechtigkeit wurde hier nicht mit dem Schwert erreicht, sondern blieb nur die Hoffnung auf ein besseren 2015!


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