Einkaufen als Verbrechen

Ich schaute erstaunt auf ein Plakat an der Bushaltestelle mit einer Kleiderwerbung eines sehr bekannten Herstellers. Ich wollte kurz zur Fußgängerzone gehen und vielleicht einen Kaffee trinken. Grund meines Erstaunens war nicht die dort abgebildete Schönheit und auch nicht das Kleid, was sie trug, aber der dort angebotene Preis. Da sagte eine Frau hinter mir: „Wie viele Menschen müssen an Hungerlohn leiden, damit wir dieses Kleid so billig einkaufen können?

Ja, der Gedanke war nicht unberechtigt. Für nur € 19,99 kauft man einen Kleid. Rechnen wir die Mehrwertsteuer vom Brutto ab, dann verbleiben € 16,80.

Das Kleid benötigt trotz der Knappheit des Schnittes ca. 1,7 m Stoff. Ungeachtet, dass der Stoff zu 30% aus Kunstfaser bestand und das Muster ziemlich einfaltslos war, würde der Meter in einem Fachgeschäft ungefähr € 6,00 kosten.

Bei der Herstellung eines Kleides sind Designer, Schneider, Produktionsplaner, Näherinnen, Qualitätskontrolle, Verpackung, Versand, der Verkäufer im Laden und sein Vorgesetzter involviert. Und eine Reinigungskraft sollte auch mal da vorbeihuschen, oder?

Ich besuchte an dieser Tag das Geschäft in der Münchener Fußgängerzone und zählte die Anzahl der Kleider dieses Typs an der Stange. Es waren nicht so viele. Wie in der Werbung abgebildet sah das Kleid aus. Jedoch zugegeben, bei dem Top-Modell sah es schöner aus. Aber eine erwachsene Frau hat auf eine solche Figur nur Sehensucht.

Das Kleid wurde in Indien genäht. Der Stoff kam sicherlich aus China. Ich kenne das Muster und weiß, das Taiwan und China die günstigsten Stoffe produzieren. Wieder kam ich auf den Gedanken über den Stoffpreis und sublimierte meine Preisvorstellung auf € 1,20 pro Meter, was kaum zu unterbieten war. So stand mein Restwert bei € 15,60, was für den Fetzen noch gut zu sein schien.

Erfahrungsgemäß benötigt ein Geschäft für sein Personal, Aufwand und Lager um die 50 % Marge. So lag meine Restwert bei € 7,80 und noch glaubte ich es sei akzeptabel. Ich machte über den Gedanken an Ladendiebstahl einen großen Bogen, sonst würde meine Kalkulation noch schlechter für die Näherin enden und da ich noch zu einem Café gehen wollte, verwarf ich den Gedanken.

Die Transportindustrie hat Kosten wie Lagerarbeiter und Hafenarbeiter, welche wir nicht mehr in Betracht ziehen, da sie immer mit Cent Werten pro Stück berechnet werden. So fühlen wir uns auch für diese minderwertig bezahlten Arbeiter nicht verantwortlich. Jedoch setzte ich € 0,30 für diese Aufwand ab, aufgrund der Menge, die produziert und transportiert wird. Noch sind dabei Versicherungen, Schuttware und der unverkäufliche Anteil, die in der Regel auch um die 10 % des Warenpreises ausmachen, von dem Restwert  abzuziehen. So landete mein vormals gut aussehender Restwert bei nur € 6,80 und ich dachte, der Hersteller muss auch etwas Gewinn planen, oder?

Denken wir an einen großzügigen Arbeitgeber, Unternehmer, der gläubig ist, und fürchtet, dass bei schlechtem Verhalten seine Seele in der Hölle schmoren wird. Dieser nimmt nur 40% für seinem Anteil.
Fair, oder? Nun, sind wir bei grob € 4,00 gelandet.

Lohnsteuer und Sozialabgaben, falls sie im Zielland existieren, und dazu Steuer, die wir nicht kaputt machen sollten (wie IKEA oder Amazon hier in Deutschland), nehmen bescheidene € 0,80 pro Kleid ein.
Ob wir das glauben, ist dann die nächste Frage, doch rechnen wir die restlichen € 3,20 bis zur armen Näherin ab.

Die Chefin muss bezahlt werden, die Verwaltung und Maschinen auch. Sogar bei einer sehr optimistischen Berechnung und einer unvorstellbaren großen hergestellten Menge kann ich nicht Mal in Gedanken fassen, dass diese Kosten unter € 0,70 liegen.

Flinke Näherinnen kenne ich aus Brasilien und ich kann bezeugen, dass so ein Kleid ungefähr zwei Stunden Arbeit kostet. Schneiden wird mit der Maschine gemacht, aber die Teile zusammen nähen, Rest Fäden entfernen und die Qualität überprüfen kosten auch Zeit. So war mit klar, unsere Näherin in Indien bekommt kaum € 1,00 pro Stunde als Lohn.

Anderen Berichten zu Folge, bekommen viele Näherinnen eigentlich nur € 1,00 pro Tag.

Würden Sie gerne für € 1,00 am Tag (mit 12 Stunden Arbeit) arbeiten?

Wie beurteilen Sie das Kaufen eines solchen Produkts? Günstig oder verbrecherisch?

Übrigens, meine Lust auf Kaffee ist dabei vergangen.

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