Die verbotene Liebe des Pharaos

Über das antike Ägypten weiß man leider nur sehr wenig, aber man vermutet viel. Prüderie, fehlplatzierte Moralvorstellungen und eine Menge Ignoranz überschatten viele archäologische Projekte. So ist heute nur ein Bruchteil des Dramas des Pharaos Pepi II und seines Generals Sasenet nachzulesen.Das alte Reich von Ägypten (vor der bekannten Ära der Vereinigung) bestand zwischen dem Jahr 2000 v. Chr. und 2200 v. Chr. Je nach Quelle können diese Datumsangaben um fast 100 Jahre voneinander abweichen.

Zu dieser Zeit folgte Osiris (Gott der Nachwelt) seinem Sohn Horus an Beliebtheit beim Volk.

Zum besseren Verständnis: Horus hatte über seinen Onkel Seth gesiegt. Dieser Sieg symbolisierte den Sieg des unteren Reiches über das obere Reich Ägyptens. Danach folgte die Vereinigungszeit. Das liefert uns einen guten Hintergrund zum Entwicklungsstand der ägyptischen Gesellschaft und sollte uns auch Auskunft darüber geben, was gesellschaftlich im Vordergrund stand. Hauptstadt war Theben, das heutige Luxor.

Der Wasserstand am Nil schwankte kaum, muss aber noch mehr als vier Meter über dem heutigen Pegel gelegen haben. Man könnte es sich fast wie das Miami von damals vorstellen. Kleine, aber starke, braungebrannte Männer liefen in Strohkleidern in einem sonnigen und grünen Land herum. Nun wissen wir, was aus uns Menschen werden kann, wenn wir uns nicht um die Natur scheren. Über die Ausrottung die Bäume und die klimatische Veränderungen des Nils könnte man zu dieser Zeit gar keine Gedanken machen. Wer Interesse daran hat, dem empfehle ich eine Studie der University of South Florida, die ich begeistert gelesen habe.

In den übrigen Fragmenten (Papyri), denen man diese kurze Geschichte entnommen hat, kann man auch lesen, dass die Escrivas zu dieser Zeit bereits ein Gefühl für Dramatik entwickelt hatten. Das Theater stand zu dieser Zeit noch sehr am Anfang. Die ersten Theaterstücke, die man ausgegraben hat, sind zum Beispiel Göttersagen wie „Die Verführung von Horus durch Seth“ oder „Die Krönung von Senusret I“, Letzteres 1928 durch Kurt Sethe publiziert. Daher kann man annehmen, dass vieles der Wahrheit entspricht, aber doch eine unterschwellige Dramatisierung stattgefunden hat.

Neferkare (der Name von Pepi II) besuchte jede Nacht seinen General Sasenet und verbrachte viele Stunden in dessen Gemächern. So berichtete der Escriva in dem besagten Papyrus. Im Gegensatz zu dem, was viele heute denken, war das Offensichtliche nicht direkt beschrieben. Die Ägypter stellten mit blumigen Umschreibungen dar, was da augenscheinlich geschah: „Er tat, was seinem König gefiel“, oder: „Wie der Gott Ra Osiris jede Nacht besuchte, so tat er es auch“. Unsere Journalisten von heute könnten viel davon profitieren, wenn sie sich diesen etwas diskreteren Stil aneignen würden.

Homosexualität war kein Tabuthema. Kein Gesetz dieser Zeit stellte sie unter Strafe, Urteile wurde auch nicht gefunden. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie durchaus akzeptiert war. Von dieser Vorstellung, dass der Gott Ra (Sonnengott) jede Nacht Osiris (Gott der Nachwelt) besuchte und beide symbiotisch miteinander lebten, sind auch einige Quellen vorhanden und damit ist die Parallele zu diesem Lebensabschnitt des Königs klar.

Doch das Problem war, dass ein Herrscher, der sich in eine solche Liaison einließ, keine Kinder, also keine Thronfolger, zeugen konnte. Das war die Hauptsorge der Königsberater. Wie aus den Texten zu entnehmen ist, verließ der König, umhüllt in einen Mantel, seinen Palast und wanderte durch die Straßen der Stadt, um seinen Sasenet zu treffen. In den Fragmenten wird auch von einem Mann erzählt, der eine Beschwerde vortragen will, und Neferkare, der kein Interesse an der Beschwerde hatte, den Querulanten durch Musiker übertönen ließ, bis er verärgert wegging. Höflinge verspotteten ihn (was typisch für antike Erzählungen ist). Nun spricht der Querulant (da wir für ihn keinen anderen Namen haben) mit seinen Kumpel Tjeti. Tjeti beschattet dann Neferkare und droht den Skandal auszuplaudern. Der Rest ist zwar verloren gegangen, aber man kann ihn sich vorstellen.

Im Grunde sind solche Geschichten sogar heute noch wiederzufinden und klingen fast wie eine Folge aus den billigen US-Fernsehserien, in denen überdramatische Jungs (gewöhnlich genannt Barflittchen) in einen Liebesrausch zu einem älteren Militär verfallen und dann eine Intrigantin alles aufdeckt. Ich fasse das zusammen in das Wort „Drama“.

Der fünfte König der altägyptischen VI. Dynastie regierte ab 2245/6 v. Chr. bis 2152 oder 2180 v. Chr. (verschiedene Quellen, verschiedene Fakten), ein beachtlicher Zeitabschnitt, der leider mit einer schwachen Führung und Übermacht der Gebietsverwalter endete, was durch das Alter des Königs begünstigt wurde. Der König wurde zu Ehen mit Tanten, Halbschwestern und sogar einer Tochter gezwungen, was auch klarmacht, dass die Ratgeber mehr über ihn herrschten als er über das Land. Von weiteren Liebesaffären wird dann nie mehr berichtet.

Der Bericht über seine Episode wurde auch einige Jahre später schriftlich auf einer Holztafel aus der 18. oder 19. Dynastie niedergelegt, was auch von einer gewissen Unschärfe zeugt. Weitere zwei Texte weisen auf diese Geschichte hin. Die Texte sind in Louvre und in der University of Chicago zu finden.

Wie aus anderen Quellen zu entnehmen ist, genoss das alte Ägypten eine größere Vielfalt an menschlichen Beziehungen, egal, welcher sexuellen Ausrichtung jemand war oder welches Beziehungsmodell er bevorzugte. Vielleicht könnte durch eine Vergegenwärtigung dieses Ursprungs eine Korrektur der Gesellschaft zu mehr Offenheit erreicht werden.

Mit diesem Kapitel der Geschichte des alten Ägyptens stellen wir einige Parallelen zu unserer Entwicklung fest: Unsere dramatische Vorstellungskraft hat sich nicht viel verändert und unsere Neugier für das Leben anderer Menschen bleibt ein Wert unserer Kultur. Wenn wir daraus lernen, dass alles, was wir heute erleben, seit über 5.000 Jahren normal ist, können wir diese Lebensgeschichten genießen. Streichen wir doch einfach die dazu nicht passenden Störungen in unserer Sprachentwicklung, z. B. das Wort Sünde!

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