Die andere Seite des Bi-Kulti-Deutschlands

Zehn Jahre nach einer Reportage von Stefanie Rosenkranz im „Stern“ (siehe Referenzen unten) geht man wieder an ein noch nicht abschließend bearbeitetes Thema heran. Dabei übersehen viele, dass Deutschland keine Multikulti-Gesellschaft, sondern höchstens eine Bi-Kulti-Gesellschaft geworden ist.

Ich stamme aus Brasilien. Meine Familie siedelte nach Brasilien über, ein Teil vor dem Zweiten Weltkrieg und ein anderer zum Ende der Fünfzigerjahre. Sie arbeiteten bei VW und haben sich dann in Brasilien integriert. Damit meine ich, sie haben die Sprache des Landes gelernt. Sie hörten die lokalen Sender und sprachen über die täglichen Telenovelas. Meine Familie von der mütterlichen Seite stammt aus Italien, genauer gesagt aus Neapel oder Napoli, wie wir es gerne aussprechen. Sie haben sich auch dem Lokalkolorit hingegeben und sie kennen die brasilianischen Musiker, genießen Fußball und Samba. Viele haben sich auch der lokalen Religion gewidmet und versuchen aus der Vergangenheit und der Gegenwart heraus an einer progressiven Zukunft zu arbeiten.  Unsere Nachbarn hießen Richelli, Petrocelli, Trombini, von Hulsen, Moreno und viele andere Namen aus vielen verschiedenen Ländern. Jedoch waren wir alle Brasilianer.

Ob sie gerne zurück nach Deutschland, Italien, Rumänien oder Spanien kämen? Nein, gewiss nicht. Sie fühlen sich wohl und integriert. Der Grund, dass einige wie ich in die Welt wanderten, liegt an unseren Berufen oder am Abenteurergeist.

Dieser Zustand definiert für mich Integration. Kein Brasilianer hat uns an die Hand genommen und die Stadt gezeigt, keiner hat uns die Sprache beigebracht. Unseren Einkauf haben wir in brasilianischen Läden gemacht und hin und wieder freuten wir uns auf einen Besuch eines deutschen Restaurants, aber bis dahin aßen wir wie jeder Brasilianer jeden Tag Bohnen und Reis. Wir liebten  das Land, lernten die lokale Kultur und waren so transparent. Zumal wenn bei unserem Bierfest einige Deutsch miteinander sprachen, waren Brasilianer auch mit viel Freude und gerne dabei.

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich eingehender mit den Sozialen Netzwerken. Dort, wie viele meiner Leser wissen, sind meine Texte nicht lektoriert. Dabei stoße ich ständig auf boshafte Kritiken. Die Kritiker widersprechen zum Teil meiner Meinung, wozu jeder das Recht hat, aber wenn sie meinen Argumenten nicht inhaltlich widersprechen können, wenden sie sich gegen meine Grammatik.

In einem international gestalteten Europa sollte jedem klar sein, dass sich die Sprachen vermischen werden und die Grammatikregeln von heute irgendwann zu einer neuen Sprache verschmelzen werden. Wie viele Jahrhunderte es dauern wird, bis die Sprachen von Portugal bis Griechenland sich angeglichen haben, kann man sich heute nicht einmal vorstellen. Die Sprache ist ein Kommunikationsmittel und formt sich je nach den Bedürfnissen der Gesellschaft.

Was ich bemerken wollte, ist, dass die Anstachelungen gegen grammatikalische Fehler von Deutschen (ist klar) und türkischstämmigen Mitbürgern kamen. Keiner aus Spanien, keiner aus den Niederlanden oder gar ein Franzose. Zum Thema Kopftuch, das ohne Frage ein religiös motiviertes Kleidungsstück ist, wollten mir viele den Mund (oder die Tastatur) verbieten, da sie meinten, diese Aufsässigkeit zu akzeptieren sei der Toleranz geschuldet. Auf einmal standen Deutsche und Muslime gegen die Welt , da alle anderen hier lebenden Nationen aus dem Thread aussteigen, da sie sich mehr oder weniger schämen, ihre sprachlichen Mängel zu zeigen.

Wie soll eine Gesellschaft multikulturell werden, wenn einige ihrer Mitglieder im Voraus mundtot gemacht werden?

Einige beklagen, dass die Dialekte aussterben. Hat je einer gewagt (bis auf ganz wenige Ausnahmefälle), Bayerisch zu lernen? Selbst wenn man die Sprache gut versteht, wird man von der Generation der Alten nie akzeptiert werden und so werden sie die Sprache mit ins Grab nehmen. Die jüngere Generation bemüht sich um Hochdeutsch und die Zuwanderer werden auch deren Sprache hinter sich lassen, und so wird es auch irgendwann ein neues Deutsch geben.

Jedoch müssen auch Politiker sich im Klaren sein, dass neben meckernden Juden (solange bis Herr Friedman zurück nach Frankreich geht) und Muslimen hier auch andere Bürger existieren, die einfach deutsch sein möchten und arbeiten und mitreden wollen, ohne gezwungen zu werden, ihren Glauben, ihre Hintergründe oder ihr Wissen hinter einen Maulkorb zu verstecken.

Keiner der anderen Einwanderer bekommt Besuch von Politikern wie Erdogan, der hier in großen Fußballstadien Parolen verbreitet. Wo ist hier die Frage der Integration? Wenn hier lebende Personen mit ausländischem Hintergrund integriert werden sollen, dann sollten die deutschen Probleme im Vordergrund stehen.

Hier zahlen Peruaner, Amerikaner, Franzosen und viele andere Steuern, die nie gehört werden, weil sie Deutsche geworden sind. Sie bevorzugen ein Leben mit dem Blick nach vorne, auf eine Zukunft, in der auch ihre Kinder hier erfolgreich sein können.

Mir scheint, dass die vielen Diskussionen nicht an der richtigen Stelle geführt werden. Ich hoffe, diese Anregungen helfen, dass wir irgendwann zu einem wirklichen Multikulti-Land zusammenwachsen, denn dort liegt die Hauptaufgabe eines vereinten Europas.

Wie ist Ihre Erfahrung mit der Integration? Ich würde gerne über Ihre Berichte darüber zu lesen.

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