Beschneidung – Eine Frage der Selbstbestimmung

Seit 2012 diskutieren die säkularen Kreise intensiver, ob dieser religionsmotivierte Vorgang eine Körperverletzung oder ein Verstoß gegen die Selbstbestimmung Minderjähriger ist. Einig sind sich die meisten, dass das nicht mehr zeitgemäß ist.

Die Säkularen Grünen veranstalteten eine Podiumsdiskussion über dieses Thema im Zentralbüro der Grünen in München. Dabei sollten die Anliegen von Betroffenen angehört werden und deren Forderung an die Politik erst einmal besprochen werden.

Ein langer Weg mit guten Aussichten?

Walter Otte, Sprecher des Bundesweiten Arbeitskreises Säkulare Grüne und Sekretär der Säkularen Grünen in Berlin, beehrte die Runde und berichtete über die aktuellen Erfolge in der Arbeit dieser Gruppe und deren Engagement für das Recht unmündiger Bürger. Er brachte auch ins Gespräch, dass für die Rechte von Kindern und deren Schutz mehr Betreuung und Anlaufstellen angeboten werden sollten. Vor allem handelt es sich bei einer Amputation nicht um ein reversibles Problem, wie zum Beispiel einer Taufe.

Die erste Frage, welche in diese Veranstaltung besprochen wurde, war: Wie kann der Staat einen chirurgischen Eingriff an einem Minderjährigen erlauben, ohne entsprechenden medizinischen Bedarf durch einen Laien?

Alexander Bachl sieht seine Zwangsbeschneidung als eine Verletzung seines Selbstbestimmungsrechts und führt seit 2012 einen Prozess, um seine Rechte abzuklären. Insbesondere machte er in seinem Vortrag darauf aufmerksam, dass Minderjährige von Religionsvorschriften der Eltern geschützt werden sollten, da die Eltern nicht dazu berechtigt sind, für ein Kind zu bestimmen, ob dieses einer Religion angehören möchte oder nicht. Ein Statement von Herrn Bachl von 2012 kündigte an, dass die Entscheidung des Oberlandesgerichtes nur der Anfang des Widerstands sein wird, und gestern bestätigte er diese Position.

Hier wurde auch klar, dass sogar die harmlose Taufe von Christen sich ein Recht beansprucht, den ihnen nicht zusteht.

Gerade jetzt, wo wir erkennen, dass die Anzahl an Religionen sehr groß ist und Weltreligionen im Grunde nicht existieren, sind allgemeine Regelungen von Vereinen, wie DITIB oder sogar dem Vatikan, nur für einen Anteil der Gläubigen gültig und können im Rahmen der Gesetze eines Landes kaum behandelt werden.

Statistisch gesehen umfassen die eingetragenen christlichen Gläubigen in Deutschland knapp 61% und wenn man die anderen Religionen dazu zählt, ist man noch weit unter 66% der Bevölkerung Deutschlands, was bedeutet, dass ein Drittel der Gesellschaft konfessionslos ist und die Tendenz steigt. Dabei fragt man sich, warum die körperliche Unversehrtheit der Mehrheit nicht berücksichtigt wird.

Jerome Segal bezeichnet dieses Brauchtum als barbarisch. Er selbst ist Atheist. Er erklärte, dass nicht selten Juden zwar Kultusgemeinde gehören, jedoch Atheisten sind, was auch bedeutet, dass moderne und aufgeklärte Juden bereits abwägen, ob deren Kind diesem Leiden unterzogen werden sollte.

Er sprach auch über die Tatsache, dass das Kupieren von Hunden (Abschneiden von Ohren und Rute) bereits als barbarisch und gegen das Tierschutzgesetz ist. Da fragt man sich, wieso sollte dann einem nicht medizinisch zugelassenem Gläubigen erlaubt sein, eine Amputation an einem Baby durchzuführen. Diese Frage setzte viele Teilnehmer offensichtlich unter Schock, da man merkte, dass wir mehr Verantwortung für diese Kinder in Deutschland übernehmen müssen.

Frau Dipl. Psychologin Sluka arbeitet seit einiger Zeit als Beraterin für Betroffene und erklärte, dass es für viele Betroffene schwierig ist, eine Betreuung zu genießen. Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht und auch vom Staat gibt es keine Forderungen für eventuelle frei verfügbare Dienste. Auch die ungleiche Behandlung zwischen Männern und Frauen wurde stark kritisiert. Ungeachtet der Religionsvorschriften (die auch zum Teil dem Islam angehören) dürfen Mädchen in Deutschland nicht mal mit Elternbewilligung beschnitten werden. Als Botschaft war zu verstehen, dass das Schweigen der Betroffenen beendet werden muss und Aufklärung der Eltern und Kinder vorsorglich betrieben werden muss.

Die Runde wurde durch den Vortrag von Muhammet Savci mit dem Thema Restoring abgeschlossen. Das Thema ist in Deutschland praktisch neu. Wie in der Runde bemerkt würde, ist die moralische Hürde noch zu sehr in den Köpfen verankert, dass man frei darüber sprechen kann. Restoring beschreibt die Regenerierung der Vorhaut. Herr Savci erklärte absolut fachkundig, dass diese Wiederherstellung nicht alles, was zuvor amputiert wurde, restaurieren kann. Jedoch rechnet man mit fast 80% mehr Empfindung durch den Abbau der Eichelverhornung. Die dann durch einen Dehnungsprozess neu restaurierte Vorhaut ist zylindrisch, und die natürliche Vorhaut ist konisch. Darüber sollte man sich am Anfang des Prozesses klar sein. Der langwierige Prozess kann 5 Jahren andauern. Sowohl eine psychologische Betreuung, wie auch eine Fachberatung wird begleitend empfohlen. Herr Savci ist so überzeugt von dem Erfolg und Nutzen des Prozesses, dass er sogar eine Gründung eines Herstellungsbetriebes für Restoring Geräte in Erwägung zieht.

Trotz der angeregten Diskussion musste diese nach zwei Stunden vorerst beendet werden, aber das Thema verspricht mit großem Engagement weiterverfolgt zu werden.

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